Schnecke als Totenkopf

Der Fluch der Schnecken und Regenwürmer

— oder: Warum der Igel auch in einem echten „Schneckensommer“ hungert & leidet

Igel sind Insektenfresser!

Ihr Darm ist entsprechend sehr kurz und wenig gewunden. Denn Insekten sind eine fast „reine Proteinnahrung“ und Proteine müssen nicht aufwendig verdaut werden. Sie sind praktisch direkt verfügbar im Darm und können selbst bei sehr schneller Passage des Nahrungsbreis durch den kurzen Darm gut resorbiert (aufgenommen) werden. (Mehr Details zur Ernährung von Igeln gibt es hier.)

Umgekehrt bedeutet diese Anatomie mit schneller Darmpassage aber auch: Alles, was schwieriger aufzuschließen und zu verdauen ist, kann der Igel im Darm gar nicht aufnehmen. Insbesondere pflanzliche Kost ist sehr schwierig für den Darm verfügbar zu machen (Kühe haben deshalb dafür sogar einen Extra-Magen und das Wiederkäuen „erfunden“).

Igel können mit ihren nicht-mahlenden Zähnen und dem kurzen Darm somit gar keine Nährstoffe aus pflanzlicher Nahrung gewinnen. Sie verhungern mit Vogelfutter im Bauch…

Soviel zur Grundregel. Allerdings:

Wie fast überall in de Natur gönnt sich auch der Igel „Ausnahmen“. So gehen Igel durchaus auch auf die Jagd und fressen sich gern mal durch ein Mäuse- bzw. Rattennest oder erbeuten unvorsichtige Vögel, z.B. am Boden hockende Nestlinge sowie kleinere Reptilien oder Amphibien. Und in den Zeiten, wo der Hunger groß, der Insektenteller aber noch nicht gut gedeckt ist, werden auch Schnecken und Regenwürmer verspeist.

Früher, als es noch viele Käfer gab, bestand Untersuchungen ernährten sich deutsche Igel zu rund 80% von Insekten. Schnecken und Regenwürmer machten nur rund 5 bzw. 8% aus. Das waren noch Zeiten!

Seit einigen Jahren sehen wir in den Päppelstationen nun ständig Jungtiere um die 200 g, die in einem nie gekannten Ausmaß und Tempo unter den Händen wegsterben, weil sie offenbar von Anfang an niemals Insekten gefunden haben, sondern sich ausschließlich von Schnecken und Regenwürmern ernähren mussten.

Und genau daran — am Fressen von Schnecken und Regenwürmern — sterben sie auch.

Warum sind Schnecken und Regenwürmer so tödlich für igel — für Jungtiere sogar noch insbesondere?

Die Antwort lautet: Weil sie haufenweise Parasiten enthalten, die die Igel umbringen:

  • Schnecken enthalten die infektiösen Larven von Lungenwürmern sowie dem brandgefährlichen Darmsaugwurm (Brachylaemus).
  • Regenwürmer infizieren Igel mit mehreren Arten von Haarwürmern, die im Igel dann Lunge und Darm besetzen

Parasiten sind nicht per se eine Katastrophe für ein Wildtier, im Gegenteil: Ein gesundes, gut ernährtes Wildtier hat ein starkes Immunsystem und lebt mit „seinen“ Parasiten ganz gut. Schließlich hat ein Parasit auch nichts davon, wenn sein Wirt stirbt und so hat die Natur beide Seiten i.d.R. dahingehend entwickelt, dass der Wirt einen gewissen Parasitenbefall gut tolerieren kann.

Aber wenn Igel dermaßen unterernährt und fehlernährt sind, wie es in den letzten Jahren der Fall der ist — in der Natur fehlen 75% der früher vorhandenen Insektenmasse! —, dann kippt das Verhältnis:

  • Die Igel sind abgemagert und ausgezehrt und ihr Immunsystem dadurch geschwächt.
  • Sie fressen fast nur noch Schnecken und Würmer, weil sie nichts anderes mehr finden.
  • Statt mit jedem 12. Bissen, nehmen sie somit mit JEDEM einzelnen Bissen Nahrung mehr und mehr Parasiten auf.
  • Zudem fehlen ihnen durch die Fehlernährung wichtige Nährstoffe und Ballaststoffe in der Nahrung.
  • Die Darmparasiten „klauen“ dann auch noch Nährstoffe, denn ein gestörter Darm ist nicht in der Lage, vernünftig aus dem Futterbrei zu resorbieren (aufzunehmen).
  • Dies führt zu noch mehr Ausmergelung und zerstört das Immunsystem weiter.
  • Und zu all dem kommt mit dem Darmsaugwurm auch noch ein „neuer“ Parasit hinzu, bei dem die gegenseitige Anpassung noch nicht stattgefunden hat und der sich darum auch noch hochgradig tödlich auswirkt. Bei geschwächten Tieren sowieso, aber oft sogar auch bei starken Tieren.

Was können — was MÜSSEN — wir tun?

Um unsere Igel zu schützen in einer Zeit, in der sie nicht ausreichend Insekten (Käfer, Engerlinge, Raupen etc.) finden, gibt es nur zwei Hebel, die wir BEIDE gleichzeitig bedienen müssen:

  1. — unsere Gartenbewohner vor dem übermäßigen Verzehr von Schnecken und Regenwürmern bewahren, indem wir Futter anbieten. Nur durch Zufütterung werden wir Unterernährung verhindern und damit die Aufnahme von Parasiten auf ein tolerierbares Maß vermindern können.
  2. — gegen das Insektensterben angehen.
    Dabei geht es NICHT um die Honigbiene. Die braucht als behütetes Nutztier lediglich Pollen und sonst nicht viel. Schmetterlinge aber kommen nicht mit Nektar aus — sie brauchen noch viel dringender HEIMISCHE Pflanzen, von deren Blättern sich ihre Raupen auch ernähren können (Beispiel: Vom „Schmetterlingsflieder“ kann keine einzige Raupe fressen!) und Käfer benötigen Unterholz, Totholz (Stammabschnitte, Reisighaufen, zerfallendes Laub, Kompost…) für ihre Kinderstuben und ebenfalls heimische Pflanzen, die ihnen und ihrer Brut als Nahrung dienen können.

In diesem Sinne: Bitte füttert die Igel — aber NIEMALS mit Schnecken oder Regenwürmern!

Und schafft Totholz in Eure Gärten, pflanzt heimische Büsche und toleriert heimische „Un“-Kräuter. Viele Insekten sind auf sie als Nahrung und Kinderstube zwingend angewiesen!

Danke!

PS: Wer gute Bedingungen für Laufkäfer, Glühwürmchen etc. sorgt, siedelt mit DIESEN sechsbeinigen Gartenbewohnern dann auch genau die „Räuber“ an, die sich tatsächlich von Schnecken ernähren!

(Foto: Stefan Keller via Pixabay, bearbeitet)

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