Tagaktiver, hilfsbedürftiger Igel

Nein, auch Muttertiere sind nicht „freiwillig“ tagaktiv!

Ich frage mich, wie viele tagaktive Igel wohl im Sommer keine Hilfe erhalten, weil man sie für eine werdende oder bereits säugende Mutter hält?

Immer wieder liest man diese Hinweise, bei tagaktiv auffallenden Igeln im Sommer auf das Geschlecht zu schauen — nach dem Motto: Wenn es ein Weibchen ist, dann eher drüber hinweg zu sehen. Denn es könnte ja trächtig sein oder bereits geworfen haben, man könnte womöglich kurz vor der Geburt stören o.ä…

Also lieber draußen lassen, das Tier könnte ja Nachwuchs haben? Ein entschiedenes NEIN!

Vorab: Ja, natürlich muss auf das Geschlecht geachtet werden, aber soll Tagaktivität als Hinweis auf Krankheit beziehungsweise Hilfsbedürftigkeit auf einmal nicht gelten, nur weil es sich um ein Weibchen handelt?

DOCH! Ein tagaktiver Igel ist hilfsbedürftig. Dies gilt auch für ein Weibchen im Sommer.

Denn Tagaktivität zeigt immer eine Notsituation an oder ist das Anzeichen einer Fehlprägung des Igels, in dem sie Futter annehmen, weil tagsüber gefüttert wird oder irgendwo Futter bereit steht.

Grundsätzlich ist es logisch, dass Weibchen einen erhöhten Futterbedarf haben, wenn sie ihre Jungen versorgen und aus Verzweiflung tagaktiv werden können. Es kommt auch vor, dass ein Muttertier ihr Nest verliert und mit den Babys umziehen muss.

Viel wahrscheinlicher bei Tagaktivität ist jedoch, dass das Tier Hilfe braucht — sei es aufgrund einer Überhandnahme von Innenparasiten, weil sie Wunden hat, bereits mit Fliegeneiern oder Maden besetzt ist oder oder oder.

Igelmütter meiden den Tag wie jeder andere Igel auch

Igelmütter wechseln nicht am Tage ihr Wurfnest. Vielmehr säugen sie tagsüber ihre Babys und gehen nachts auf Futtersuche wie jeder andere gesunde Igel auch. Dies steht so übrigens auch deutlich im Beitrag „Igel und Tagaktivität“ von Pro Igel:

Bis zu ihrem 25. Lebenstag – das entspricht einem Gewicht von etwa 100-150g – sind Igelbabys „Nesthocker“, d.h. sie werden ausschließlich – und dies tagsüber! – von der Mutter gesäugt. Nachts verlässt die Mutter das Nest und ihren Nachwuchs und geht selbst auf Nahrungssuche.

https://www.pro-igel.de/downloads/igel-bulletin/bulletin52.pdf

Tagaktive Igel brauchen Hilfe — auch weibliche!

Was also sollte man tun, wenn ein Igel tagaktiv auffällt und sich bei der Geschlechtskontrolle herausstellt, dass es sich um ein Weibchen handelt?

Dann muss man doppelt genau hinsehen: Sollte man feststellen, dass sich ein Igelweibchen alle Haare am Unterbauch herausgerissen hat, ist sicher davon auszugehen dass sie irgendwo ein Nest hat. Eine Betrachtung der Zitzen dagegen ist schon mal verfälscht, denn die Zitzen geben nur teilweise darüber Aufschluss, ob es sich um eine säugende Mutter handelt, aber nicht immer. Denn leider sehen die Zitzen häufig trotz Säugens unscheinbar aus, manchmal sind Zitzen gut sichtbar, obwohl es kein säugendes Tier ist — also darüber ist keine sichere Zuordnung möglich.

Natürlich muss bei hilfsbedürftigen Weibchen in der Wurfzeit nach Babys gesucht werden!

Aber ein Weibchen trotz offensichtlicher Hilfsbedürftigkeit nicht rein zu nehmen — nach dem Motto „sie hat einen Wurf zu versorgen“ — wird weder ihre Babys retten noch die Igelmutter selbst.

Im Zweifel sollte das Leben der Igelmutter auch vorgehen.

Wichtig: Was genau ist „tagaktiv“?

Tagaktivität mein nicht automatisch jeden Igel, der am Tage gesichtet wird. Generell kann man sagen: Es ist ein enormer Unterschied, ob ein Igel in der Sonne liegt oder mal kurz durch das Gebüsch huscht. Ein Igel, der am Tage sehr zielgerichtet und unter Ausnutzung jeder vorhandenen Deckung rasch wo hin rennt, würde man nicht tagaktiv nennen.

Ein Tier jedoch, das sich frei auf dem Rasen bewegt, das ziellos und/oder sehr langsam unterwegs ist oder sich gar offen hinlegt, ist in der Regel als tagaktiv anzusehen.

Für eine genaue Klärung der aktuellen Situation nimmt man am besten direkt Kontakt mit einer beratenden Igelstation vor Ort auf (das Tier so lange sichern, eine kurze Freiheitsberaubung ist besser, als ein krankes oder verletztes Tier einige Minuten später womöglich nicht mehr wiederzufinden).

Kopfbild: Ruslan Khmelevsky via Pexels

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