Desinfizierendes Wundbad für Igelkind

Woche des Igels — Gartengeräte-Massaker

In der diesjährigen „Woche des Igels“ stellen wir wir (ehemalige) Päppel-Igel vor, die an einer der typischen Gefahren für Igel fast gestorben wären. Sie haben überlebt, teils aber nur um Haaresbreite. Unendlich viele andere Igel sterben allerdings jedes Jahr aufgrund dieser Gefahren.

Dies sind die Geschichten von Murkel, Richard Löwenherz und Peterle, die alle Opfer ganz unterschiedlicher Gartengeräte wurden (ACHTUNG: Teilweise schlimme Bilder!):

Peterle, das Fadensensen-Opfer

Peterle war ein Jungigel, kaum erwachsen geworden. Vermutlich lag er eines Tages chillend/schlafend unter einer überhängenden Staude, unter einem Farn einem Busch oder sonstigen Beetpflanze. Typischerweise verbringen Igel ihren Tagesschlaf im Sommer oft so: Sie scharren sich eine flachen Mulde in die Erde und legen sich bei warmem Wetter gern mit allen Vieren ausgestreckt bäuchlings hinein. So sind sie dank ihrer tollen Tarnfarbe unter den überhängenden Blättern praktisch unsichtbar.

Irgend jemand wollte offenbar Kanten mähen und schwang einen Fadentrimmer oder ein ähnliches Gerät unter die Pflanze, unter der Peterle lag — und erwischte dabei den kleinen Kerl: Ein Schnitt quer über seiner Vorderpfote und noch ins Gesicht hinein!

Igel schreien nicht in dieser Situation, sie verziehen sich. Wie viele Tage mag Peterle mit seinen schlimmen Wunden unter schrecklichen Schmerzen umhergeirrt sein? Seine Pfote entzündete sich immer mehr, sie füllte sich mit Eiter und schwoll an wie ein Ballon. Auch seine Gesichtswunde infizierte sich, doch das Schlimmste war die Pfote. Mit letzter Kraft schleppte Peterle sich in den Garten eines älteren Paares, die ihn sofort zur Igelstation brachten.

Ohne Vorderpfote kann ein Igel nicht leben. Und trotz des furchtbaren Zustandes der Pfote, die bis in den Knochen hinein infiziert und vereitert war, sah der Tierarzt noch eine Chance. Peterle bekam Schmerzmittel und Antibiotika verschrieben und sein infizierter Fuß musste regelmäßig in Wundbädern gebadet werden. Es dauerte lange, zwei Krallen fielen zudem komplett ab — aber tatsächlich heilte die Pfote und Peterle konnte schließlich wieder ausgewildert werden.

Murkel mit Schleuderverletzungen und Maden

Murkel war ein Igelwelpe von nur 240 g — ein Igelkind, das gerade die ersten Schritte hinaus aus dem Nest wagt. Und die führten ihn in Laubhaufen. Murkel konnte ja nicht wissen, dass dieses Laub, in dem er nach leckeren Käfern suchte und tagsüber auch schlief, dem ästhetischen Empfinden eines Tennisanlagen-Gärtners zuwider lief!

Der rückte mit einem Laubbläser an und hielt munter auf das angesammelte Laub. Murkel wurde — ebenso wie ein nur wenig größerer Igel — erfasst und mit Macht weggeschleudert! Dabei bedeutet es für einen kleinen Igel nicht einfach nur, dass man „halt wegkugelt“, wenn man in einen solchen Laubbläser-Strahl kommt. Es verursachte bei Murkel schlimme flächige Abschürfungen am Rücken und eine Wunde am Beinansatz hinten. Als nächstes kamen die Fliegen. Sie legten ihre Eier auf Murkel, zuerst am Bein und danach auch in die offenen Stellen seines kleinen Rückens. Rasch schlüpften die Maden und fingen an sich in die Wunden zu fressen.

Glücklicherweise wurde Murkel und auch sein „Kollege“ Max gefunden und umgehend in versierte Hände gegeben. Beim Entfernen der Maden zeigte sich, dass diese sich am Hinterbein bereits einen ca 4 cm (!) langen Tunnel entlang des Beines in den kleinen Körper gefressen hatten. Beim Spülen durch den Tierarzt verschwand die halbe Sonde in dem Loch! Mit Schmerzmittel-Abdeckung, Antibiose und immer wieder Wundspülungen bzw. Wund-Bädern heilte selbst dieser tiefe Wundkanal glücklicherweise. so dass Murkel schließlich noch vor dem Winter gesund in die Freiheit gehen konnte!

Richard Löwenherz kam unter den Mäher

Igel-Mann Richard Löwenherz mit seiner erheblichen Kopfwunde
Richard Löwenherz mit seiner erheblichen Kopfwunde

Der dritte Igel, den wir vorstellen möchten, ist Richard Löwenherz, der so hieß, weil er dringend ein großes Kämpferherz brauchte, um seine schweren Wunden zu überleben!

Die grüne Farbe in seinem Gesicht auf dem Foto kommt von frisch gemähtem Gras. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass Richard von einem Rasenmäher (-Roboter) dermaßen zugerichtet wurde. Sein ehemals hübsches Igelgesichtchen war völlig zerschnitten und entstellt. Dicke Borken mit „eingebackenen“ Grashalmen klebten darauf (im Bild bereits entfernt) und darunter war alles vereitert.

Doch zum großen Glück waren beiden Augen unversehrt und Richard machte seinem Namen alle Ehre: Auch er kämpfte sich zurück ins Leben. Sein Gesichtchen heilte vollständig ab und er konnte wieder ausgewildert werden.

Allerdings wurde dafür für ihn ein anderer Platz gesucht: In sein altes Revier sollte er nicht wieder gehen, da damit zu rechnen war, dass die Gefahr dort ja weiterhin droht.

Bild: Corinna Zocher, Text Sarah Stenschke

Was Du konkret tun kannst

Gartengeräte verursachen entsetzliche Verletzungen

Wegen der strukturellen Verarmung unserer Landschaften leben Igel heutzutage hauptsächlich in Gärten. Dieser Lebensraum hat Vorteile, aber birgt auch eine große Gefahr, nämlich die Gefahr, durch Gartengeräte verletzt zu werden!

Seit es Mähroboter gibt, sind diese als „Igeltöter“ in aller Munde(1). Dennoch geht (noch) die zahlenmäßig größere Gefahr für Igel in unseren Gärten meist von Geräten aus, deren Gefährlichkeit leider viel weniger bekannt ist: Ganz oben auf der Liste der furchtbaren Igel-Töungsmaschinen sind Freischneider, Tellersensen und Fadentrimmer. Aber auch Laubbläser und Laubsauger können schreckliche Verletzungen verursachen. Und sogar „manuelle Geräte“ wie Mistgabeln, Harken oder Dreizack etc. sind mitunter die Ursache für enormes Igelleid.

Denn die Igel leiden still und sterben langsam. Die Wunden infizieren sich, die Igel können sich nicht mehr orientieren, können sich nur dahinschleppen, können nicht fressen. Gartengeräte-Opfer haben deshalb leider eine enorm hohe Sterblichkeit. Dass diese drei überlebt haben ist dem Umstand zu verdanken, dass sie glücklicherweise schnell gefunden und sofort in professionelle Hände gegeben wurden.

Keine Mähroboter einsetzen

Mähroboter sind gleich auf mehreren Ebenen schädlich für Igel: Zum einen können sie (je nach Bauart) entsetzliche Verletzungen an Igeln verursachen. Niemals, NIEMALS dürfen solche Maschinen deshalb nachts aktiv sein, denn nachts ziehen die Igel durch die Gärten auf der Suche nach Futter. Dabei queren sie natürlich auch Rasenflächen. Bei Annäherung der Geräte werden die meisten Igel nicht fliehen, sondern starr sitzen/liegen bleiben und können so in die Messer geraten.

Zum zweiten schädigt der Einsatz von Mährobotern aber auch prinzipiell die Nahrungsgrundlage der Igel. Denn durch die schnellen Mähintervalle werden jegliche für Insekten wertvollen Pflanzen unterdrückt. Gleichzeitig werden auf den Halmen ruhende Insekten „geschreddert“ — dies passiert zwar auch beim Handmähen, aber da seltener per Hand gemäht wird, wird auch weniger Insekten vernichtet. Der aus dem Roboter-Einsatz resultierende Rasen ist dadurch kaum „lebendiger“ als eine grün angestrichene Bodenplatte.

Keine Laubbläser oder Laubsauger nutzen

Auch Laubsauger und -Bläser sind aus Naturschutz-Sicht sehr schädlich. Laub ist eine wichtige Ressource und Lebensraum für viele nützliche Tiere. Schon lange weiß man, dass es sinnvoll ist, Laub im Garten liegen zu lassen bzw. nur unter die Büsche zu rechen. Das ist mit einem flexiblen Handrechen nicht nur sicherer für eventuell im Laub versteckte Igel. Es schützt auch die essentielle Mikroflora im Laub (und die Ohren und Nerven der Nachbarn). Und schließlich ist von Hand zu rechen in fast allen Fällen sogar schneller. Denn die Laubbläser bringen gar nicht wirklich unbedingt eine Erleichterung. Die Laubsauger schon doppelt nicht — und was in diese hinein gerät an kleinen Tieren wie Molche oder gar Igelkinder, aber auch Insekten, Asseln etc. werden lebendig geschreddert.

Vor Garten-Arbeiten unter Büschen kontrollieren

Und schließlich, da Igel oft praktisch unsichtbar unter überhängenden Pflanzen schlafen: Bitte kontrolliere IMMER — am besten mit der Hand! — unter Büschen oder Beetpflanzen, ob dort eventuell ein Igel liegt, bevor Du mit irgendeinem Gerät dort arbeitest. Das gilt auch für nur flach, z. B. mit Efeu überwachsene Bereiche: Auch hierunter verstecken sich mitunter Igel.

Insgesamt „fauler“ gärtnern

Übrigens: Wer „fauler“ gärtnert und seinen Garten weniger „aufräumt“ fördert die Artenvielfalt. Also lass doch einfach mal mehr Natur zu in deinem Garten!

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